Die Google-Liste

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Zum Prinzip „Googleliste“

Recherchebewegungen zu aktueller Kunst über die Kunststunde hinaus und wieder zurück

„Googeln“ ist mittlerweile ein feststehender Begriff. Auch das Suchen nach Informationen im Internet im Allgemeinen kann mit dem Namen des US-amerikanischen Unternehmens bezeichnet werden (bereits 2004 hat die Duden-Redaktion den Begriff erstmal in das Nachschlagewerk aufgenommen).

Das Prinzip der „Googleliste“ habe ich im Kunstunterricht für und mit einer Klasse 8 erfunden. Ziel ist, dass die Schüler*innen Positionen aktueller Kunst kennenlernen. Und eine Vorstellung davon entwickeln, dass künstlerische Produktion im Hier und Jetzt stattfindet, nicht „männlich“ besetzt ist und die unterschiedlichsten Themen in einer Vielzahl von Spielarten verhandelt. Auf die Einstiegsfrage „welche künstlerischen Positionen kennt ihr?“ hatten die Schüler*innen mir zunächst Friedensreich Hundertwasser, Vincent van Gogh, Pablo Picasso, Paul Gauguin, und Henri Matisse – auf Nachfrage nach Künstlerinnen* noch Frida Kahlo genannt.

How to: Kategorien erfinden, Googeln, Vorstellen und Diskussion im Klassenplenum

„Zu welchem Thema würdet ihr gerne mal Kunst sehen?“, diese Frage habe ich Schüler*innen im Kunstunterricht gestellt. Zuvor hatte ich, Lehrerin und zugleich Kunstvermittlerin – zu diesem Zeitpunkt an einem Museum für aktuelle Kunst tätig – mich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt: Sozusagen alles könne Thema aktueller Kunstproduktion sein, so meine These. Aus den Themenideen der Schüler*innen haben wir gemeinsam Kategorien entwickelt. Zum Teil habe ich auch Kategorien vorgeschlagen oder umgekehrt mögliche Kategorien bewusst offengelassen und nur Namen von Künstler*innen an die Tafel geschrieben. Bis zur nächsten Woche haben die Schüler*innen eine oder beide Positionen gegoogelt und Informationen zusammengestellt. Es gab zunächst keine weiteren Vorgaben bzw. Absprachen.

Wunsch der Schüler*innen zum Halbjahreswechsel: die Vorstellung fokussieren

Zu Beginn jeder Kunststunde haben die Schüler*innen während eines Schuljahres ihre Ergebnisse, Gedanken und Fragen im Klassenplenum geteilt. Die Bearbeitung der Aufgabe war nicht verpflichtend. Zum Wechsel des Halbjahres kam von Schüler*innenseite der Wunsch auf, die Vorstellung zu fokussieren. „Das ziehe sich manchmal echt ganz schön hin.“
In der Klasse wurden dann folgende Verabredungen getroffen: Angaben zum Leben bzw. zur Lebensgeschichte generell kurz halten und nur berücksichtigen, wenn diese Thema der künstlerische Arbeit ist und somit für deren Verständnis eine Rolle spielen kann (wie etwa bei Joseph Beuys , Felix Gonzalez-Torres oder Frida Kahlo). Es werden zu jeder Position insgesamt drei künstlerische Arbeiten recherchiert. Eine Arbeit vertiefend, zwei weitere – , um dem künstlerischen Interesse auf die Spur zu kommen. Ein wichtiger Teil ist dann das Gespräch bzw. die Diskussion in der Klasse. Hierfür kann eine Frage mitgebracht werden.

Recherche als Option

Mit dem Prinzip „Googleliste“ wird eine Seitenbühne des Unterrichts bespielt und dadurch zugleich eröffnet. Die Recherchebewegungen gehen über den Kunstunterricht hinaus und führen wieder dahin zurück. Das Googeln der künstlerischen Positionen ist nicht verpflichtend und unterscheidet sich damit deutlich von Hausaufgaben, die den institutionellen Kontrollmechanismen der Schule unterliegen.

Rückblick und Fragen an mich: zum Einfluss der Vor- bzw. Hereingaben

Wie stark habe ich durch meine Hereingabe der künstlerischen Positionen die Suche beeinflusst?
Wäre denkbar, dass die Schüler*innen direkt zu einem Begriff suchen oder über die Websites bestimmter Museen für sie spannende künstlerische Positionen finden? Welche Parameter würden sich dadurch verändern?

Zu meiner Liste:

Die vorliegende Liste ist als Work in progress zu verstehen. Die Liste verändert sich so wie sich zeitgenössische Kunstproduktion verändert. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann nicht bestehen.
Mit den regelmäßig gesetzten Auslassungspunkten […] habe ich dies auch auf der Textebene markiert.
Die Idee einer Kategorie wird in der Zusammensicht von mindestens zwei künstlerischen Positionen sichtbar. Die genannten Positionen/Themen fächern das Thema möglichst vielfältig und differenziert auf.
Die Liste kann als Ausgangspunkt dienen und direkt nach dem oben beschriebenen Prinzip der Googleliste mit Schüler*innen im Unterricht bearbeitet werden oder als Inspiration für Lehrende dienen, die Positionen aktueller Kunst in der Unterrichtsplanung berücksichtigen möchten.

Link zu meiner Googlelliste

Beispiele aus dieser Liste:

[Rauch/Nebel]

Lara Favaretto : Thinking Head, 2017-2019
Daniel Knorr: Expiration Movement, documenta 14, Kassel 2017
Fujiko Nakaya: Cloud Walk, ZKM Karlsruhe 2019
[…]

[Sterne]

Apichatpong Weeresthakul: Melancholie des Vapors, 2014
Thomas Ruff: Stern 17h 20m / -38°, 1990 
[…]

[Süßigkeiten]

Mariella Mosler: z.B.: Dracula, 2000
Thomas Rentmeister: z.B.: Earthapfelroom, 2007
Felix Gonzalez-Torres: z.B.: Untiteld (Lover Boys), 1991
Dieter Roth: z.B.: Selbstturm/Löwenturm, 1969-1998
[…]

[Bewegung-en(!)]

Rineke Dijkstra: The Krazyhouse (Megan, Simon, Nicky, Philip, Dee), Liverpool, UK, 2009
Sarah Lucas: Why I never became a dancer, 1995
Adrian Piper: Adrian moves to Berlin, 2007
Victoria Santa Cruz: Me Gritaron Negra (They Shouted Black At Me), 1978
Bárbara Wagner und Benjamin de Burca: Swinguerra, 2019
[…]